CD-REVIEWS:
 |
|
LACRIMOSA:
"Fassade" CD (Hall Of Sermon)
|
| |
|
|
Willkommen in der dunklen Welt, der
heruntergebrannten Kerzen, der schweren, schwarzen Samtvorhänge, wo der
genüsslich zelebrierte Hang zur kunstvoll, gepflegten Depression, den
Patchoulieschwaden gleich durch die bröckelnden Mauern einer komplizier
ineinander geschachtelten Fassade tanzt. Kunst? Kitsch? Pathos?
Künstlichkeit? Ehrlichkeit? Der Blick dahinter fällt schwer.
Dringt kaum durch die perfekten Arrangements aus harten Metalgitarren,
sakralen Bombastchören, flächendeckenden Streichern, verspielten
Klaviereinsrängslen, dumpfen Bläsern, hingehauchten Oboen und
Opernstimmen. Die drei Sätze des Titelstückes scheinen textlich einen
gewissen gesellschaftskritischen Aspekt zu beinhalten, in dem die Einsamkeit
des Individuums in der Masse beschrieben (beklagt) wird. Nicht unbedingt neue
Töne! Die Einsamkeit zu beklagen, an der Welt zu verzweifeln. ("Gibt es
nicht genügend Egoismus in der Welt, gibt es nicht genügend
Selbsthass in der Welt?")
Nach dem ersten "Fassade"-Satz
erklingt das schon bekannte, sehr nach einem bewusst produzierten
Hit-Ohrwurm-Gothic-Schlager klingende "Der Morgen danach", welches ich
im Kontext des Albums noch deplazierte finde. (Das andere Stück von der
Single wäre besser gewesen! Und ich spreche hier nicht von
"Vankina"!!!) Nun folgt "Sences" geschrieben und gesungen von
Anne. Keiner kann abstreiten das er früher eher immer vorgezappt hat, wenn
sie erklang, da es einfach irgendwie nicht Lacrimosa war. Nun seit
"Elodia" fügen sich ihre Songs gut ein und langsam überzeugt
sie mich auch gesanglich. Ansonsten ein eher ruhiges aber schönes
Stück.
Dann erklingt "Warum so tief" und ich schlucke.
"Mutter Angst, Vater Schmerz.... Euer Blut fließt durch meine
Adern...warum kann ich euer Erbgut nicht einfach verleugnen..." Irgendwie
erscheint mir das plötzlich etwas zu dick aufgetragen. Zu plakativ, zu
sehr wie das Bedienen all der armen geplagten Grufties, die Tilo immer für
sein Weinen und Schreien bewundert haben. Ich weiß nicht ob ich ihm diese
Depression noch abnehmen kann/will.
Nach dem zweiten Satz von
"Fassade" dann "Liebesspiel". Musikalisch ein großartiges,
hartes Werk mit einem super Oboenkontrastprogramm im Refrain. Mal abgesehen
davon, das der Anfang verdächtig an "Enter the Sandman" von Metallica
erinnert, textlich schliddert es mir auch zu sehr am Kitsch entlang. "Stumme
Worte" rein klassisch instrumentiert ist einfach nur schön und der
letzte "Fassade"-Satz schließt den Reigen.
Insgesamt aber
ein schweres, komplexes Album, dem mir nur all zu oft der ironische Blick auf
die eigene gepeinigte Seele fehlt. Diese Scheibe wird die Hörer spalten.
Leute die Lacrimosa eh nie leiden konnten, werden mit diesem Werk auch
nicht damit anfangen. Die Fans werden Tilo weiterhin gnadenlos vergöttern.
Aber ich kann mich nicht entscheiden. Ich bewundere und verehre die Arbeit von
Tilo Wolff und seinen Leuten, aber nie ohne eine gewisse ironische Distanz zu
bewahren.
Und genau das macht es mir mit "Fassade" so schwer.
Manchmal finde ich es einfach unerträglich und albern ein Werk (ob nun
musikalischer, literarischer oder cineastischer Natur) durch stundenlange
Detailanalysen an Hand von einzelnen Textzeilen auseinander zu pflücken,
zu interpretieren, scheinbar zu verstehen um es dann für genial zu
erklären. (Genauso albern finde ich es übrigens eine ellenlange
Rezension zu einer Single zu schreiben!! Aber das nur am Rande!)
Musikalisch ist die Platte so perfekt, wie es noch nie ein
Lacrimosa-Album war. Ein Werk voller Klassik, Metall, Gothic und dunklem
Schlager. Tilo hat seine Stimme weiterentwickelt und über seine
Qualitäten als Songschreiber und Arrangeur müssen wir auch nicht
streiten. Am Ende bleibt für mich jedoch die Frage: Wie viel von der
Depression, von dem Schmerz und dem Kitsch ist nur "FASSADE"?
Thomas Sabottka für
GOTHICWORLD
|