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Kölner Stadt-Anzeiger - Nr. 151 - Montag, 3. Juli
2000: Totenschädel
zieren das Ohr - Geretzhoven gehörte den
Gruftis
Bergheim - Sie tragen silberne Ketten mit
großen Fledermaus-Anhängern und kleine Totenschädel als Stecker
am Ohr. Was die Besucher des Festivals auf der Wasserburg Geretzhoven am
meisten von anderen unterscheidet, ist ihre Vorliebe für "schwarze
Klamotten": Rund 1000 "Grufts", "Gruftis" oder "Gothics", wie sie sich selber
nennen, kamen am Wochenende täglich zum ersten "Gothicworld-Festival" in
die Nähe des Niederaußemer Kraftwerkes. Viele kampierten auf einer
Wiese vor der Burg. Es gebe viele Vorurteile gegen Gothic-Anhänger -
allein wegen ihrer Aufmachung, berichtete Martin Braun. Der 20-Jährige
trug zur schwarzen Lederhose ein weites Rüschenhemd. Auffallender an ihm
war aber sein weiß geschminktes Gesicht, auf dem die dunkel geschminkten
Lippen und die schwarzen Verzierungen um die Augen bis hin über die linke
rasierte Kopfhälfte besonders stark zur Geltung kamen. Den Rest der
kinnlangen Haare trug er nach rechts gekämmt. "Natürlich will ich
mich durch mein Äußeres gegenüber der Gesellschaft absetzen.
Ich kann dabei meiner eigenen Kreativität freien Lauf lassen."
Totenschädel und umgekehrte Kreuze, "diese Schmuckstücke
verbinden viele gleich mit Satanismus", ärgerte sich Braun wenig. Und
Jasmine Ruggieri pflichtete ihm gleich bei: "Wir leben ja alle angeblich in
schwarzgestrichenen Wohnungen und schlafen in Särgen.", so die
30-Jährige fast amüsiert. "Die müssten mal in meine Wohnung
kommen, wie spießbürgerlich die tatsächlich aussieht." Die
Düsseldorfer Beamtin trägt ihre schwarze Kleidung auch bei der
Arbeit. "Mein Chef hat mich einmal gefragt, ob das nicht zu extrem sei. Ich
habe das verneint und seitdem ist das kein Problem mehr." Besucher im Amt
reagierten eher aufgeschlossen: "Nur im Ministerium verzichte ich lieber auf
schwarz." Die meisten Gothics - der Name leitet sich von den englischen
"Gothic-Horror-Romanen" - seien sehr sensible Menschen, überhaupt nicht
aggressiv, vielmehr tolerant, glaubt Volker Stamer (36), Mitgründer des
Internet-Magazins "GothicWorld", das das Festival veranstaltet. Mit einer
Kapazität von bis zu 2000 Besuchern rangiert das Geretzhovener Festival
unter den größten fünf Deutschlands. Andere wie das
"Wave-Gotik-Treffen" in Leipzig seien mit über 20000 Leuten aber zu
Mammutveranstaltungen geworden. Die Organisatoren wollten auf Geretzhoven daher
den ursprünglichen, "familiären Charakter" wieder hervorheben, der
den Treffen vor einigen Jahren ihren Reiz gab, so Stamer. DJ Mike: "Bei den
großen Festivals geht es nur noch um Kohle." Auf Geretzhoven traten vor
allem unbekanntere Bands ohne Gage auf. "Wir hoffen, dass sich die
Veranstaltung selber trägt", meinte Stamer, "Sollten wir aber sogar Gewinn
machen, geht der Erlös an Straßenkinder in Rumänien." Mike war
einer von vier DJs, die am späten Abend bis in die Nacht bei den Discos in
der alten Miste Musik auflegten. Zuvor waren 22 Bands in den
Wirtschaftsgebäuden aufgetreten. Gothics trugen ihre Gedichte im
Rittersaal vor. "Extrem gefühlsbetont" und "romantisch", das sind
Eigenschaften, die Gothics zu Kult-Plätzen zieht - etwa in den
düsteren Gewölbe-Keller der Burg - der "Chill-Out-Area" - eine
Ruhezone, die auf keinem Festival fehlt. Zu mittelalterlicher Meditationsmusik
ließen die Gruftis im Gewölbe die Seele baumeln.
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